Hektor und „unsere Demokratie“

Ich stehe am Zaun und sehe Hektor beim Kauen zu.
Sechzehn Jahre alt, Süddeutsches Kaltblut, braun wie alter Tabak und so ruhig, dass man denkt, er habe schon alles gesehen: die Gespanne, die Felder, die Sommerregen, die klugen Menschen mit ihren Parolen.
Er kaut weiter. Gras rein, Gras raus. Der Kreislauf der Gelassenheit.

Ich denke an „unsere Demokratie“. So nennt man das jetzt, mit diesem kleinen besitzanzeigenden „unsere“ vornedran. Klingt nach Stolz, riecht aber ein bisschen nach Stall. Früher war Demokratie wild. Frei wie ein Pferd, das keiner halten konnte. Ein gefährliches Tier, das ausschlagen, durchgehen, alles über den Haufen rennen konnte … auch seine Reiter.
Heute steht sie brav angebunden auf der Koppel. Sie darf wiehern, aber nur nach Drehbuch. Sie darf laufen, aber nur im Kreis.

Hektor schnaubt. Vielleicht aus Zustimmung, vielleicht weil eine Fliege nervt.
Ich frage mich, ob er weiß, dass er gezähmt ist. Ob er die Freiheit überhaupt vermisst. Vielleicht ist das der Trick der Zähmung: Man ersetzt die Sehnsucht durch Sicherheit, den Galopp durch Routine, die offene Ebene durch den Zaun.
Und nennt es dann Fortschritt. Oder eben „unsere Demokratie“.

Der Wind zieht über die Weide. Hektor hebt den Kopf, schaut über den Zaun, dorthin, wo nichts ist außer Wind und Himmel. Ich glaube, er weiß Bescheid.