Hymnie im Sommerloch – oder: Wenn Deutschland mal wieder seine Stimme sucht

Es ist Juli, der Asphalt glüht, und irgendwer ruft wieder: Lasst uns die Hymne ändern! Bodo Ramelow, Thüringen, Sonne im Nacken, Medienhitze überm Haupt. Diesmal soll’s Brechts „Kinderhymne“ sein. Anmut, Mühe, Leidenschaft … klingt gut. Bertolt, der alte Zyniker mit Herz, schrieb das 1950, als Deutschland gerade wieder lernte, sich nicht wie ein brüllender Teenager im Geschichtsbuch zu benehmen.

Ein bescheidenes Deutschland, das nicht über andere trampelt, sondern sagt:
„Wie ein andres gutes Land.“ Sanft. Fast zu sanft für die Timeline von 2025.

Aber Ramelow hat’s ernst gemeint, der alte Sozialromantiker. Ein Deutschland, das sich selbst nicht ständig anbrüllt – was für eine schöne, unpraktische Idee.

Und natürlich kam das Echo:
„Wieso Hymne ändern?“, „Wozu das Theater?“, „Sommerloch!“.
Ja, Sommerloch. Diese Zeit, in der Politiker nervös werden, weil kein Skandal pfeift, keine Schlagzeile fliegt, kein Twitter-Trend das Ego streichelt.
Da schickt man halt Brecht in die Arena. Einmal „Anmut“ gegen „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Alt gegen älter.

Nur: unsere Hymne ist kein Zufallsprodukt.
Die stammt aus dem demokratischen Aufbruch von 1848, der mit Blut, Schweiß und Barrikaden bezahlt wurde. Einigkeit, Recht, Freiheit – das ist kein Pop-Schlager, das ist verbrieftes Herzblut der deutschen Geschichte. Brecht wollte versöhnen, Hoffmann von Fallersleben wollte befreien.
Beides ehrenwert, beides deutsch – aber auf verschiedene Drogen.

Und heute?
Heute schreien die Leute auf Social Media, während irgendwo in Erfurt ein Ministerpräsident an die Menschlichkeit glaubt. Man kann ihm das nicht verdenken. Aber jede Kulturdebatte im Jahr 2025 ist ein Tanz auf vermintem Terrain – egal, obs um Flaggen, Fleisch oder Fußball geht.

Vielleicht sollten wir gar keine Hymne singen.
Vielleicht reichts, wenn wir mal kurz die Klappe halten.

Aber gut, Sommerloch ist Sommerloch.
Manchmal heißt Nessie eben „Hymnie“.
Und wenn sie auftaucht, springen alle Journalisten mit dem Kescher hinterher.

Deckel drauf, Feierabend.
Der nächste Sommer kommt bestimmt.
Und mit ihm die nächste Idee, Deutschland ein bisschen schöner zu träumen.