Die Geschichte der Technik ist eine Geschichte der Doppelzüngigkeit. Jede Revolution hatte zwei Gesichter: Rationalisierung und Expansion. Das Rad beschleunigte den Handel, die Dampfmaschine befeuerte Fabriken, das Fließband machte Menschen zu Zahnrädern. Und jetzt kommt die KI, die Maschine, die denken kann, ohne zu schwitzen.
Aber das Prinzip bleibt dasselbe: Technik darf nur zerstören, wenn sie gleichzeitig neu erschafft. Wenn sie Jobs frisst, muss sie irgendwo neue ausspucken. Denn das System braucht eines wie die Luft zum Atmen: Konsumenten. Keine Arbeiter, keine Käufer – keine Käufer, kein Markt – kein Markt, kein Kapitalismus. Das System sägt nicht an dem Ast, auf dem es sitzt. Es schärft ihn.
Natürlich, es wird krachen. Transformationen sind nie Wellness-Programme. Im 19. Jahrhundert saßen Weber an ihren Stühlen und sahen ihre Welt in Rauch aufgehen. Heine schrieb ein Gedicht, das bis heute brennt. Heute haben wir Sozialstaat, Kurzarbeitergeld, Coachingportale und LinkedIn-Motivationszitate. Aber Angst bleibt Angst. Wer sich zu spät bewegt, wacht auf, wenn die Party vorbei ist.
Paradox nur: diesmal trifft es Deutschland gar nicht so schlimm. Denn uns fehlen ohnehin bald sieben Millionen Arbeitskräfte. Die KI springt also in eine Lücke, nicht in einen Kampf. Die Maschinen übernehmen nicht unsere Jobs, sondern sie übernehmen die, für die es ohnehin niemanden mehr gibt. Und das klingt erst mal nach einem Deal, den selbst Marx unterschreiben würde.
Doch hier lauert der eigentliche Horror: die KI zahlt keine Steuern, keine Rente, keinen Soli. Sie konsumiert nur Strom. Sie kauft keine Brötchen, keine Turnschuhe, keine E-Autos. Sie ist ein kaltes, präzises Loch im Wirtschaftskreislauf. Wenn sieben Millionen Menschen ersetzt werden, dann verdampft ihre Kaufkraft … und damit das Schmieröl des Systems. Dann rollt die Maschine weiter, aber niemand mehr verdient mit.
Das Kapital braucht Köpfe, die kaufen. Wenn die Köpfe verschwinden, verdampft das Kapital. Und das ist vielleicht die erste technische Revolution, die wirklich den Ast ansägt, auf dem sie sitzt. Vielleicht wird das die letzte große Lektion des Kapitalismus: dass man Maschinen nicht essen kann.